Francesc Grimalt (4 kilos): “Ich hatte schon immer das Gefühl, ein merkwürdiger Kerl zu sein“

Der Önologe und Miteigentümer des mallorquinischen Weinguts 4 kilos findet es bemerkenswert, dass Naturweine es geschafft haben, grundlegende Fundamente der Weinsparte zu hinterfragen. Bis jetzt war das undenklich
Francesc Grimalt

 

 

Francesc Grimalt (Felanitx, 1972) ist, gemeinsam mit Sergio Caballero, Eigentümer und Önologe von 4 kilos Vinícola, ein Pionierweingut auf Mallorca. Als die allerersten Weinreben auf der Insel gesät wurden, begann Francesc in der Weinsparte tätig zu sein. Er ist einer der Schöpfer von Ànima Negra, der heute internationalste Wein der mallorquinischen Weinszene. Francesc erzählt, dass er schon immer das Gefühl gehabt hat, ein merkwürdiger Kerl zu sein. Als kleines Kind faszinierte es ihn dabei zuzugucken, wie Weinkaraffen gefüllt wurden. Er schwamm damals gegen den Strom. Aktuell produziert er sehr partikuläre Weine, genauso partikulär sind auch sein Markenimage, die Präsentation seiner Weine und die dahinterstehende Philosophie. Mittels einer sehr modernen und unüblichen Ästhetik in der Weinsparte, vermittelt er Werte über den Respekt gegenüber unserer Erde, über ökologische Nachhaltigkeit und hinterfragt Tradition, ohne sie außer Sichtweite zu halten.  Seine Weine werden gleichteilig auf Mallorca, dem Rest des Staates und im Ausland verkauft: Australien, Peru, Kalifornien oder New York. Die jährliche Produktion beträgt ungefähr 80.000 Flaschen.

 

Seine Weine sind international anerkannt und sehr beliebt. Genauso beliebt sind auch seine Ästhetik, sein Markenimage und die originelle Darstellungsweise seiner Weine.

 

„Ich werde dazu verklagt, mich nur dem Marketing zu widmen, aber das stimmt nicht. Mich interessiert der ganze Prozess, von den Weinbergen bis hin zum Endverbraucher. Ich bin an allen Schritten interessiert und möchte jeden von ihnen persönlich halten und das tue ich, indem ich kleine, aber meiner Meinung nach notwendige, Anpassungen mache“.

 

Ist der Erfolg eines Weins seine Einzigartigkeit?

 

Um genau dasselbe zu machen, was die anderen schon tun, muss man gar nicht erst anfangen. Die anderen machen es ja schon… Man muss sich mit Nuancen unterscheiden. Nicht alles ist erlaubt. Zum Beispiel: wenn man auf der Hochzeit seines besten Freundes als Fahrradrennfahrer verkleidet erscheint, wird man zwar für Aufmerksamkeit sorgen, aber sich gleichzeitig lächerlich machen. Man muss sich von den anderen unterscheiden, darf dabei aber die Eleganz nicht verlieren.

 

Wie führten Sie sich in die Welt des Weins ein?

 

Als ich klein war, fand ich es fantastisch, bei dem Füllen von Weinkaraffen zuzugucken; der Schaum, der sich bildete... Die Welt des Weins faszinierte mich. Mit 16 Jahren, als auf Mallorca die ersten Weinberge gesät wurden und sich die Kooperative von Felanitx auflöste, zog ich nach Madrid, um dort Önologie zu studieren (in der Escuela de la Vid). Es war das Jahr 1988 und es war damals eine Ausbildung. Ich schwamm damals gegen den Strom. Ich hatte schon immer das Gefühl gehabt, ein merkwürdiger Kerl zu sein. Außerdem überraschte mich die Welt des Weinbaus sehr. Sie macht sehr süchtig…

 

Die Lage hat sich sehr verändert und aktuell wird der mallorquinische Wein auf der Insel mit gewisser Normalität konsumiert. Wie ist das passiert?

 

Ja, das stimmt. Aber das Verdienst dafür gebührt nicht den Mallorquinern. Die Entdecker unserer Inselweine sind die Deutschen und das kann man nicht in Frage stellen. Die Mallorquiner konsumieren unseren Wein dank ihnen und das ist auch gut so.

 

Sie begannen vor 23 Jahren mit der Weinherstellung, als diese Branche auf Mallorca noch völlig anders aussah. Aktuell gibt es auf Mallorca etwa 70 Weingüter, viele davon neu gegründet und von bedeutsamer Größe. Was sagen Sie zu diesem Wandel?

 

Je mehr wir sind, desto mehr Spaß werden wir haben. Ich finde es sehr gut, dass es so viele Weingüter auf Mallorca gibt. Leben wir einer Blase? Vielleicht schon, aber das ist eine normale Entwicklung und macht mir keine Angst. Das ist, wie wenn die Leute sagen, dass wir nie Cabernet hätten pflanzen sollen. Meiner Meinung nach war es kein Fehler. Hätten wir es nicht getan, dann würden wir jetzt wahrscheinlich nicht auf dem Weg der Zurückgewinnung von traditionellen und einheimischen Rebsorten sein. Alles muss seinen normalen Verlauf verfolgen. Alles ist ein Verlauf, wie auch die Landwirtschaft.

 

 Die Landwirtschaft…?

 

Alles hat seinen natürlichen Verlauf. Aktuell, wo keine Jahreszeiten mehr erlebt werden können, ist die Weinsparte fantastisch, denn sie erlaubt uns, wieder in Kontakt mit der realen Welt zu kommen. Auf Mallorca wird zur Landwirtschaft zurückgekehrt. Der Markt fordert es an. Vielleicht ist es eine Mode, aber ich bin nicht gegen Moden. Wenn sie gut sind, dann bitte vorwärts mit den Moden! Mir ist es wirklich egal.

Wir produzieren biologische Weine und  haben den meisten Arbeitsaufwand direkt in den Weinbergen. Im Keller bleibt dann nur noch sehr wenig zu tun.

 

 Was bedeutet das genau?

 

Dass – wenn wir es schaffen, gesunde und hochwertige Reben zu züchten– unser Wein nur minimalen Einsatz im Weinkeller brauchen wird. Eines Tages hörte ich Gérard Gauby sagen, dass Weinberge wie ein Wald verwaltet werden müssen: die Rebe wird zusammen mit dem Ökosystem, das sie umgibt, als Einheit betrachtet, statt als isolierter Organismus. Es geht darum, Gleichgewicht zu finden. Ich bin Judoka und Gleichgewicht ist dafür wesentlich. Wenn man es verliert, fällt man. In der natürlichen Umwelt geschieht das genauso. Das Gleichgewicht muss gehalten werden. Wenn Önologie direkt mit Ausbeutung verbunden wird, kann es nur schief gehen. „Superproduktionen“ funktionieren nicht.

Aus welchem Grund funktioniert Biodynamik so gut? Im Gegensatz zu konventionellen Anbaumethoden sinkt zwar die Leistung, aber dafür haben die Pflanzen mehr Bioabwehrkräfte und ergeben bessere Resultate.

 

Dies ist eine Tendenz der Weinsparte: den Eingriff in den Weinbergen so so gut es geht zu reduzieren. Sogar so sehr, wie es in der Naturweinproduktion geschieht. Was halten Sie davon?

 

Wir machen keine Naturweine. Wir produzieren zwar den von Sulfiten befreiten Wein Motors, aber deshalb ist er kein Naturwein. Es gibt gute und schlechte Weine. Naturelle und traditionelle. Was mir nicht gefällt ist die Rechtfertigung von Mängeln eines Weins durch die Art des Herstellungsprozesses. Wein muss gut sein. Naturweine haben alles hinterfragt. Alles. Sogar die Farbe. Und das ist genial! Sie haben es geschafft, dass alles nochmal neu ausgerichtet wurde. Das finde ich super. Seitdem ich Wein produziere, ist es das Beste, was ich erlebt habe. Die Weinsparte ist aktuell ein bunter Zirkus mit verschiedenen Manegen, auf denen Vorstellungen aller Art aufgeführt werden, sogar Strippers.

 

Sie haben viel Spaß bei dem, was sie tun…

 

Weinproduzieren macht süchtig. Es bringt viel Freude und das Endziel ist der Genuss. Außerdem ist Wein zeitlos. Eine Weinflasche hat kein Ablaufdatum. Wenn man einen sehr alten Wein öffnet und sich in die Zeit zurückdenkt, als er produziert wurde, oder darüber nachdenkt, wie viel in den ganzen Jahren, während er gelagert war, passiert ist, ist es meistens unfassbar! Vielleicht ist enorm viel passiert, zum Beispiel in der Politik, aber der Wein ist währenddessen, völlig weltabgewandt, seinen eigenen Weg gegangen. Es gibt elsässische Weine, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung deutsch waren und jetzt französisch sind. Das ist echt stark… einfach wunderbar!

 

 Was würden Sie am liebsten in der Weinsparte machen?

 

Ich würde liebend gerne Fasswein produzieren und die Leute zu mir nach Hause bringen, wo sie ihre Karaffen füllen können. Das würde mir gefallen. Ich werde öfter gefragt, wieso ich es nicht tue? Die Wirklichkeit ist, dass ich es nicht weiß, aber es würde mir sehr gefallen.

 



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